Vertrauen auf Rezept, das funktioniert für mich nicht. Es gehört Wachstum dazu.

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Meine letzte Arbeitswoche endete mit einem sehr vertrauensvollen Gespräch mit einem neuen Geschäftsführerkollegen eines Unternehmens, mit dem wir im selben Verband organisiert sind.

Er wurde vor einem halben Jahr, nachdem sein Vorgänger in seinen wohlverdienten Ruhestand ging, in seine Geschäftsführerverantwortung berufen. Mit dem Vorgänger versuchte ich Vertrauen aufzubauen, was mir in der wirtschaftlich schwierigen Phase der ÜAG 2010 ff. auch deutlich geholfen hätte. Leider – was nicht nur eine floskelhafte Bewertung ist – gelang mit ihm kein vertrauensvolles Miteinander. So traf ich in den vergangenen Jahren viele Entscheidungen für mein Unternehmen, die den Nachfolger jetzt deutlich irritieren, weswegen er um ein Gespräch bat.

Ich habe mich darüber gefreut, dass er mit dem Anliegen an mich heran trat seine Irritationen aussprechen zu können und künftig solche durch ein vertrauensvolles Miteinander gar nicht mehr aufkommen zu lassen.

Dem Anliegen bin ich gerne nachgekommen. Wie zu Beginn erwähnt,war unser Gespräch auch sehr vertrauensvoll. Tief vertrauen können wir uns nach diesem einen, ersten Gespräch aber (noch) nicht. Unsere Entscheidung, ein vertrauensvolles Miteinander aufbauen zu wollen, ist aber ein guter Nährboden, dass Vertrauen wachsen kann. Dafür bin ich dankbar.

Vertrauen: der Kitt, der unsere Wirtschaft und Gesellschaft zusammen hält

„Vertrauen“ wird für mein Dafürhalten in unserer Gesellschaft zu inflationär gebraucht. Denn dafür ist es eine zu wichtige und entscheidende, weil die Gesellschaft zusammen haltende, Sache. Bei aller Schriftlichkeit und vertraglichen Absicherungen: ohne Vertrauen kann ein gesundes, gedeihliches und wachstümliches Miteinander von Menschen – auch in unserem Wirtschaftssystem – nicht funktionieren. Davon bin ich überzeugt.

Vertrauen gilt immer, direkt oder indirekt, einer Person(oder Personengruppe). Direkt: wir vertrauen unseren Vorgesetzten, unserem Unternehmer, dem Unternehmer des Dax-Konzerns, den uns regierenden Politikern etc. – oder eben nicht.

Oder indirekt: wir vertrauen einer Institution bzw. einem Unternehmen (wie dem ADAC oder VW), einer NGO, einer Organisation (wie dem Kongress christlicher Führungskräfte), der Institution Kirche etc.  – oder eben nicht. Meine Beispiele sind bewusst gewählt, weil der ADAC und VW Beispiele dafür sind, wie durch das Fehlverhalten von Personen das Vertrauen in eine Institution zerstört oder mindestens angekratzt werden kann. Insofern ist letztlich auch das Vertrauen, das Menschen in eine Organisation setzen, ein Vertrauen gegenüber einzelner Personen.

Verordnetes Vertrauen versus Wachstümlichkeit

„Feind, Todfeind, Parteifreund“ dieses sarkastische Zitat über das häufig zutreffende Verhältnis von Parteifreunden zeigt, dass es zwischen ihnen häufig an Vertrauen mangelt oder dieses gänzlich fehlt: eine schlechte Grundlage für indirektes Vertrauen in die eigene Partei. Dabei kann ohne dieses Vertrauen keine Wahl gewonnen werden. Das hat auch Horst Seehofer erkannt, nachdem Angela Merkel entschieden hat, zum vierten Mal Kanzlerin werden zu wollen. Wir dürfen gespannt sein, wie dieses verordnete „Vertrauen auf Rezept“ (oder tatsächlich wachsende Vetrauen) der deutschen Bevölkerung transportiert wird.

Scheinbar geht es in pluralen Organisationen häufig nicht ohne „verordnetes Vertrauen“. Den wirklichen Wert – auch die zeitliche Werthaltigkeit desselben – erleben wir nur allzu oft als unzureichend. Dieses verordnete Vertrauen scheint nicht mehr als ein Burgfrieden zu sein.

Meiner Überzeugung und Erfahrung nach kann echtes Vertrauen entstehen,…

  1. wenn ein echter Wille vorhanden ist, vertrauensvoll zusammen arbeiten zu wollen.
  2. wenn es Zeit zum Gespräch und zum Austausch gibt. Diese Zeit ist wichtig, um Vertrauen zu erleben, Irritationen oder Rückschläge zu besprechen und bearbeiten, Kompromisse ausloten und Erfolge feiern zu können.
  3. wenn der „Preis des Vertrauens“  (der meist aus dem Verzicht auf nicht zu hebende, kurzfristige, sehr individuelle Vorteile besteht) zugunsten einer langfristigen und tragfähigen Vertrauensbeziehung gerne bezahlt wird.

Vertrauensaufbau ist also ein Prozess, der Zeit, Entscheidungen, Kraft und Investitionen Bedarf.  Also: etwas Langfristiges und deshalb in unserer schnelllebigen Zeit scheinbar häufig nicht kompatibel. Es ist aber ein Prozess der sich lohnt. Denn die Tragfähigkeit und Belastbarkeit von vertrauensvollen Beziehungen – gerade auch im Wirtschaftsleben – zahlt sich aus: in mehr Lebensqualität und -freude aber auch in langfristigen, wirtschaftlichen Erfolg.

In diesem Sinne freue ich mich auf einen Vertrauensaufbauprozess mit meinem Kollegen.


David Hirsch

arbeitet bundesweit als Unternehmensberater in den Bereichen
Strategie, Organisation, Personal und Management.
Jahrgang 1973, verheiratet, 3 Kinder, lebt in Jena



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