Was Partner als Problem beschreiben, ist für mich ein kreativer Ideenfundus für Lösungen

Die uns allen bekannte Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, beschreibt letztlich die Auseinandersetzung der Haltung zwischen Optimisten und Pessimisten. In meiner Auseinandersetzung mit PartnerInnen und KollegInnen, ob etwas ein Problem oder ein Lösungsfundus ist, erlebe ich häufig genau dieses Dilemma.

Das Problem mit dem Problem

Eine eher problemorientierte, pessimistische Grundhaltung hat ihre zweifelsohne positive Seite: sie hinterfragt sehr genau, schützt vor Verzettelung und davor, ein zu hohes Risiko einzugehen. Auf der anderen Seite verhindert sie aber auch: die Entfaltung von Lösungskreativität und das Zustandekommen unkonventioneller Ideen.

Die Prägung von Unternehmen der Sozialwirtschaft

In der Sozialwirtschaft erlebe ich tendenziell die problemorientierte, pessimistische Grundhaltung als vorherrschend. Dies hat auch seinen guten Grund: die finanziellen Möglichkeiten von Unternehmen der Sozialwirtschaft sind, im Vergleich zur gewerblichen Wirtschaft, in der Regel deutlich eingeschränkter. Ferner sind Unternehmen der Sozialwirtschaft überwiegend einer Vielzahl von (unberechenbaren?) Mitgliedern o.ä. und nicht nur einem Unternehmer rechenschaftspflichtig. Ein anderer Grund ist, dass Unternehmen der Sozialwirtschaft häufig stark in „Finanzierungssäulen“ (z.B. Behindertenhilfe = SGB IX) denken und handeln.
Doch egal, ob das Glas als pessimistisch halb leer oder optimistisch halb voll angesehen wird: es ist nur „halb“. Es gibt also Lösungsnotwendigkeiten.

Der Neuerfindungsprozess der ÜAG

Wie bereits mehrfach beschrieben musste sich mein Bildungs- und Arbeitsmarktdienstleistungsunternehmen ÜAG während der vergangenen fünf Jahre quasi neu erfinden. Ich behaupte, dass mein Unternehmen nicht mehr existieren würde, wenn wir nur in den Säulen des SGB II + III entwickelt, erdacht und konzeptioniert hätten. So war es notwendig quer zu denken und Dinge, die bei Weitem nicht alle marktfähig gemacht werden konnten, zu entwickeln und zu erproben. Dies stieß (und stößt bis heute) in meinem Unternehmen nicht nur auf Gegenliebe.

Wo beide Haltungen zusammen kommen, entsteht Realismus

Ein Kollege analysierte vor einigen Wochen nach einer streitigen Diskussion (zunächst) ohne Ergebnis: „Eigentlich könnten wir uns ganz gut ergänzen.“ Er meinte damit das Zusammenspiel meiner eher optimistischen mit seiner eher pessimistischen Grundhaltung. Das „eigentlich“ bezog sich auf den für uns Beide etwas frustrierenden Zwischenstand der Ergebnislosigkeit. In der Zwischenzeit gibt es ein Ergebnis und wir stellen fest: dort wo beide Haltungen auf Augenhöhe zusammen kommen, entsteht Realismus (und damit gute Ergebnisse).

Entscheidungen beispielhaft

Über das Für und Wider der Investition in die aufwändige und teure Entwicklung des Handbuches einer „sonstigen Rehaeinrichtung“ haben wir in 2013 lange diskutiert. Letztlich haben wir uns gemeinsam dafür entschieden und ernten heute die Früchte.
Im Oktober 2015 mussten wir uns binnen Stunden entscheiden, ob wir in die Gemeinschaftsunterkunftsbetreibung im Auftrag der Stadt Jena einsteigen. Hier waren zum Zeitpunkt der optimismusgetrickerten, positiven Entscheidung unsererseits noch lange nicht alle Fragen geklärt. Aber: auch hier können wir heute die Früchte ernten, indem es positive Synergien mit unseren Sprach-/Integrationskurs- und Bildungsangeboten für geflüchtete Menschen gibt.

Das Fazit

Als Unternehmer ist es für mich von Vorteil, zu meiner optimistischen Grundhaltung eine (vorhandene) pessimistische zu addieren – und zwar auf Augenhöhe. Dadurch bekomme ich eine realistische Risikoabschätzung meines kreativen Ideenfunduses.
Ferner tue ich gut daran Menschen (MitarbeiterInnen, KundInnen, MultiplikatorInnen) der unterschiedlichen Branchen, Berufsgruppen, Erfahrungs- und Ausbildungshintergründe sowie auch Generationen zusammen zu bringen. Die, um miteinander kreative Ideen zu entwickeln und mein Unternehmen so marktlich zukunftsfähig aufzustellen. Vor allem dann, wenn sich die Zukunftsfähigkeit außerhalb der bisherigen Kunden-/Zielgruppen entwickelt.


David Hirsch

arbeitet bundesweit als Unternehmensberater in den Bereichen
Strategie, Organisation, Personal und Management.
Jahrgang 1973, verheiratet, 3 Kinder, lebt in Jena



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