Kirche, Glaube und Wirtschaft – passt das überhaupt zusammen?

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„Ich gehe schon gar nicht mehr gerne zum Gottesdienst, da ich als Unternehmer doch eh nur wieder um (meist finanzielle) Unterstützung für ein Gemeindeprojekt angebettelt werde und wehe ich sage nein…“. So erzählte mir neulich ein befreundeter christlicher Unternehmer, der sich, gemeinsam mit seiner Familie, in seiner Gemeinde/Kirche eigentlich ganz wohl fühlt. Als Unternehmer fühlt er sich jedoch meist unverstanden bzw. kommt nicht vor.

Unternehmer in Gemeinden: zwei Welten begegnen sich

Als Unternehmer in der Sozialwirtschaft werde ich nicht verdächtigt viel Geld zu haben und deshalb auch selten um finanzielle Unterstützung gebeten. Trotzdem kann ich als Unternehmer das „sich unverstanden fühlen“ nachvollziehen, da ich es ähnlich erlebe. Das versuchte Verständnis äußert sich häufig im Ausdruck des Bedauerns meiner Familie und mir gegenüber. Dies der großen Arbeitsquantität wegen. Das ist objektiv sicher richtig, beschreibt aber wenig von den Belastungen monatlich 170 Mitarbeiter zu bezahlen, eine stimmige Strategie zu entwickeln und vorleben zu wollen. Dabei mache ich das niemandem grundsätzlich zum Vorwurf, denn … wie sollen sich häufig verbeamtete oder anderweitig angestellte Gemeindegeschwister auch in mich hinein versetzen können. Den Willen zum Verstehen vermisse ich aber häufig.

Auf Spurensuche: wo liegt das Problem?

Die Kirchen haben ausdrücklich hervorgehoben, dass die Soziale Marktwirtschaft und in ihr die Unternehmer, die sich mit ihrem Kapitaleinsatz den Risiken des Wettbewerbs aussetzen und dabei Arbeitsplätze und Güter schaffen, hohe Anerkennung verdienen. Auch unter ethischen Gesichtspunkten wie z.B. bei gemeinsamer Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft (Initiative des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz, 2014; Unternehmerdenkschrift der EKD, 2008). Das ist erfreulich, findet sich an der gemeindlichen Basis aber wenig wieder.

Worin könnte also das Problem der vermeintlichen Inkompatibilität von Kirche und Wirtschaft liegen?

Bei Karl Pilsl habe ich eine vielleicht einfache, aber logische, Erklärung gefunden. Er spricht vom Unterschied zwischen Religion (die sich in der Institution „Kirche“ operationalisiert) versus der bedingungslosen Liebe Gottes. Letztere ist nicht nur kompatibel, sondern in gewisser Weise sogar die ethische Grundlage unserer sozialen Marktwirtschaft. Das haben in der zitierten Denkschrift auch die beiden großen Kirchen erkannt.

Wenn also jeder seiner, in Denkschriften nieder gelegten, Aufgabe nachkommen würde, dann müsste sich dieses Verhältnis doch eigentlich annähern. Oder? Meine These: auf keinen Fall automatisch. Denn … Unternehmer sind, auch wenn sie es wollten, häufig zeitlich kaum in der Lage sich umfangreich in die Gemeindearbeit einzubringen. Deshalb entsteht so etwas wie eine „ungewollte Sprachlosigkeit“ zwischen den meist wenigen Unternehmer auf der einen Seite und den vielen, anderen Gemeindegliedern mit anderem Hintergrund, auf der anderen Seite. Deshalb bedarf es Plattformen, auf denen Dialoge, die auf ein durchaus gegenseitiges Verstehen zielen, vorkommen.

Überregional ist das zum Glück verschiedentlich der Fall: Beispielsweise in den christliche Unternehmerverbänden wie dem, für den ich mich engagiere: Initiative e.V. (Link: www.initiative-euorpa.eu).

Oder im Rahmen des zweijährlich stattfindenden „Kongress christlicher Führungskräfte“, nächstmalig im Februar in Nürnberg (kleiner Werbeblock: bis Jahresende noch den Frühbucherpreis sichern!).

Aber auf Gemeindeebene gibt es noch wenig. Deshalb fand ich es ermutigend, als mich ein verantwortlicher Mitarbeiter aus der Kirchengemeinde Gotha neulich ansprach, dass sie als Kirchengemeinde einen Unternehmerstammtisch gründen wollen. Dies vielleicht als Vorstufe für einen gemeinsamen Dialog.

Die Inhalte passen – die äußeren Bedingungen sowie der fehlende Dialog verhindern häufig das gegenseitige Verstehen

Den Ansatz von Karl Pilsl finde ich einfach und bestechend zugleich. Der Glaube an den Gott, der an Weihnachten als Kind in der Krippe zu Bethlehem zur Welt gekommen ist, auf dieser Erde gelebt und gewirkt hat und für uns und unsere Schuld ans Kreuz auf Golgatha gegangen ist: aus bedingungsloser Liebe: dieser, mein, christlicher Glaube ist hoch kompatibel zu unserem Wirtschaftssystem und motiviert mich als Unternehmer dazu für eine gerechtere Welt zu arbeiten.

Religion aber macht das Ausleben dieser Glaubenswahrheit schwer. Warum? Institutionelle, praktische und persönliche Hemmschwellen (Zeit, Engagementmöglichkeiten etc.) türmen sich häufig zu kaum zu überwindenden Barrieren auf. Deshalb ändert sich nichts.

Deshalb benötigen Unternehmer aber häufig Ermutigung in christlichen Unternehmernetzwerken, bei Kongressen, Einkehrtagen o.ä. Aber genau so wünsche ich es mir für Gotha, meine Gemeinde und Gemeinden weltweit, dass ein Dialog, der auf ein gegenseitiges Verstehen abzielt, in Gang kommt.

Damit mein Freund und ich aus voller Überzeugung sagen können, dass wir uns nicht nur der Erlösung Jesu gewiss sind, sondern, dass wir uns auch unter der bunten Schar verschiedenster Gemeindeglieder wohl fühlen und unseren Platz finden.


David Hirsch

arbeitet bundesweit als Unternehmensberater in den Bereichen
Strategie, Organisation, Personal und Management.
Jahrgang 1973, verheiratet, 3 Kinder, lebt in Jena



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